RMINE
(Foto: © Wikipedia)
März 2013

Von Smart Cities. Und trostlosen Bürokratien.

Energieeffizienz und nachhaltige Umwelttechnologien hat die Europäische Union für politisch korrekt erklärt. Dass der CO2-Ausstoß wie zum Trotz ausgerechnet in den USA und nicht rund um Brüssel sinkt, mögen Sie selbst bedenken. Jedenfalls: In Regionen, die den EU-Kohäsionsfonds an-zapfen dürfen, werden kommunale Projekte fleißig gefördert. Die Slowakei ist eine solche Region. Facility Aktuell folgte der Wirtschaftskammer nach Bratislava. Markus Zwettler

Erste Impressionen: Ost-Autobahn zum Bersten voll, A6 gähnend leer. Es ist ein gutes Gefühl, seinem Toyota Corolla wieder einmal freien Lauf zu gewähren!

Und dann Bratislava: Entree in eine Stadt, der demnächst dieselbe Parkpickerl-Diskussion wie in Wien bevorsteht, eine Stadt, die in nicht allzu ferner Zukunft mit Kittsee verschmelzen will. Eine Stadt mit gemeingefährlichen Schlaglöchern im Asphalt. Und eine Stadt, die mit dem Kartenmaterial meines Routenplaners von Falk so richtig auf Kriegsfuß steht: Freunde, den vorgeschlagenen U-Turn auf der Staromestská will ich sehen!

Doch komm zum Punkt, Schreiberling. Showcase for Urban Technologies! 

Österreichs Wirtschaftsdelegierter in der Slowakei, Patrick Sagmeister, hat den Event organisiert, ein gutes Dutzend österreichischer Unternehmen bekommen die Chance, vor potenziellen Partnern aus der Slowakei zu referieren.

Doch vorab noch einige Fakten zum Procedere: 1) Der slowakische Steuerzahler zahlt seinen Obolus. 2) Ein Teil davon wandert nach Brüssel. 3) Wiederum ein Teil davon fließt – nach Aufruf und wenn alle sich an die Regeln halten – zurück. In Form von „Programmen“. Im Umweltbereich hat es in der Slowakei etwa den klingenden Namen „Operationales Programm Umwelt“.

4) Pech ist es für den slowakischen Bürger aber, wenn a) binnen kürzester Zeit drei Mal die Regierung ausgetauscht wird, b) die technische Expertise im Bürokraten-Dschungel noch nicht perfektioniert ist und c) am Ende auch noch Korruption zu Tage tritt. Denn dann bleibt der Fördertopf halb voll. Die Rendite für den slowakischen Bürger? Ach, hören wir auf.

Jedenfalls: Nach jeweils 40minütigen amtsslowakischer Tiraden wissen wir, dass die Welt in Bratislava von jener in Wien nicht allzu verschieden ist. Ein obligatorisches Pickerl für das Gebäude gibt es auch hier – ein gutes Geschäft mit Energie-Audits also weiterhin vorprogrammiert. Gebäude-Zertifizierungen und die Verbreitung des Öko-Standards können sich in der Slowakei derzeit aber nur wenige Developer leisten.

Und: Auch die Slowaken wissen nicht, wohin mit der leidigen Energieeffizienz-Richtlinie. Soll das Umweltministerium dafür zuständig sein? Oder das Wirtschaftsministerium? Oder doch das Bildungsministerium?

Es ist Zeit, den wirklichen Profis zu lauschen. Profis aus der privaten Industrie. Profis, die nicht 40 Minuten palavern, sondern in weniger als zehn gar fantastische Visionen präsentieren. Lauschen Sie Ihnen ebenso. Um die Irrwege der Bürokratie wieder zu vergessen. Eine Auswahl:

  • ABFALL? PRESS IT! Der Bauhof einer Kommune hat es ebenso wie der Facility Manager eines Shopping Centers: Jede Menge Abfall. Die Press-Container der Grieskirchner Pöttinger Maschinen versprechen eine Kostensenkung um 50 Prozent. Das Prinzip: Papier, Plastik, Kartonagen, Tetra Pak etc. wird maximal komprimiert, sodass ein Abfallcontainer nicht länger mit Luft, sondern nahezu zu 100 Prozent tatsächlich mit Müll ausgefüllt wird. Und das spart Frachtkosten. Lohnt ab einem Abfallaufkommen von 5 t pro Monat. Preis: ab rund 16.000 Euro je Container. Oder als Mietvariante.
  • LICHT? INDUKTION! Schon etwas gehört von einer Niedrigdruck-Gaslampe? Die Linzer item international liefert sie. Der Witz daran? Diese Induktionslampen sind gegenüber herkömmlichen Hochdruck- oder Quecksilber-Lampen um die Hälfte effizienter, leuchten mindestens drei Mal so lange, kosten aber dennoch nur rund ein Zehntel eines LED-Kopfes. Sind flackerfrei. Und: Um sie in der Straßenbeleuchtung einzusetzen, muss nicht eine komplette Laterne, sondern nur die Lampe getauscht werden. Amortisationszeit: Weniger als ein Jahr. Großartige Story.
  • REISEPASS FÜR DEN KANAL! Kommunale Infrastruktur braucht eine digitale Entscheidungsgrundlage. Geht es darum, eine Kanalisation zu simulieren, um sie in Folge intelligent zu sanieren, so sind die Techniker der Wiener ÖSTAP Engineering gefragt. Abwasser-Reinigung, Kläranlagen, Trinkwasserversorgung: ÖSTAP berechnet die Hydrodynamik der in diesen Infrastrukturen vorhandenen Ströme und erstellt so einen „Reisepass“ für die Kanalisation. So geschehen etwa bereits im burgenländischen Mönchhof.
  • MESS DEN STROM! Um Ströme anderer Art geht es der in der Nähe von Graz ansässigen Softwareschmiede c.c.com. Mit ihrem System BLIDS haben die Steirer ein System entwickelt, das Verkehrs- oder Personenströme in Echtzeit auswerten kann, indem die Bluetooth- und WLAN-Signale von Handys oder Smartphones anonym ausgewertet werden. Sie wollen wissen, wie viele wann von wo wohin fahren? Oder aber, wie lange die Besucher in einem bestimmten Shop Ihres Einkaufszentrums verweilen? Oder aber, wie stark welche Flächen in großen Gebäuden genutzt werden? BLIDS liefert die Antworten darauf. Im Einsatz etwa bereits auf der Wiener Südosttangente oder der Tauernautobahn bei Graz.
  • VERNETZ DAS GEBÄUDE! Fehlen darf im Showcase der Österreicher auch der stets umtriebige Thermokon-Chef Siegfried Gaida nicht, der nicht müde wird, ein Mehr an Interaktion – zwischen Mensch und Gebäude, zwischen Mensch und Stadt – schmackhaft zu machen. IP-fähige Sensoren sind es, die eine Energieeinsparung erst möglich machen, sagt er. Seine Geräte sind es, die einen Lichtschalter oder Fenstergriff tatsächlich zu einem Teil einer „Smart City“ machen. Und noch etwas gibt er uns mit auf den Weg: „Die besten Sensoren sind wir, die Bürger. Bindet uns ein in die Smart City von morgen!“

Bratislava

Tibor Schlosser, seines Zeichens Head Traffic Engineer der Stadt, spricht von schlimmen Fehlern der Raumplanung, die Bratislava als Rucksack aus den 1990er Jahren heute mitzutragen hat: Ausschließlich monofunktionale Siedlungen – das ist die charmante Umschreibung für Plattenbauten – in den Vorstädten müssen heute mühsam wiederbelebt werden. Hinzu kommt: Betrug das Verhältnis öffentlicher zu privater Verkehr 1990 noch 90:10, so hat es sich heute auf 52:48 verändert. In anderen Worten: 530 Pkw je 1.000 Einwohner hat die Stadt zu verdauen. Zum Vergleich: In Wien sind es 420, in Berlin nur 320 Autos je 1.000 Einwohner. Und es kommt noch mehr: Schlosser schließt nicht aus, dass in wenigen Jahren nicht mehr – wie heute – 450.000 in und aus der Stadt pendeln, sondern 750.000. Das Pouvoir für eine U-Bahn hätte er gern. Stattdessen wird künftig primär das Straßenbahn-System massiv ausgebaut. Und endlich die Alte Brücke renoviert.